Ludwig Johann Passini . Junge Venezianerin am Brunnen
Ludwig Johann Passini . Junge Venezianerin am Brunnen

Ludwig Johann Passini

1832 Wien - 1903 Venedig

Junge Venezianerin am Brunnen

Aquarell     87 x 57 cm

Signiert und datiert: 1891

 

Verkauft

 

Ludwig Passini galt in seiner Zeit bei Publikum und Kunstkritik als einer der ersten Genremaler in Europa. Heute wird sein Name nicht mehr ganz so hoch gehängt, doch erschließt sich dem Betrachter schnell, was die damalige Kunstwelt so sehr an diesem Meister der volkstümlichen Charakterschilderung faszinierte. Passini studierte Malerei an der Wiener Kunstakademie, verlegte sich jedoch während eines längeren Aufenthalts in Venedig nahezu vollständig auf die Aquarellmalerei. Das Aquarell blieb fortan seine bevorzugte Technik. 1873 ließ er sich endgültig in Venedig nieder, wo er sich als herausragender Genremaler einen Namen machte. Mit Auftragsporträts war er zudem gut beschäftigt. Es sind gerade die späteren Aquarelle mit Darstellungen aus dem venezianischen Volksleben, die durch ihren stupenden Momentrealismus stets aufs Neue faszinieren.

Das hier vorgestellte, großformatige Aquarell ist ein Belegstück für jene Bilder, in denen der Künstler die Möglichkeiten der Momentfotografie nicht nur einzuholen, sondern zu überbieten sucht. Das scharfe Herausarbeiten der individuellen Charakteristik der jungen Venezianerin, die sich vollkommen unbeobachtet fühlt und so rein und unbefangen ihrer gewöhnlichen Tätigkeit nachgeht, ist der Hauptgegenstand dieses Meisterwerks der Alltagsschilderung. Eben hat sie den Kupfereimer aus dem Brunnen heraufgezogen und ist im Begriff, ihn auf dem Brunnenrand abzustellen. Ein kleiner Schwall Wasser schwappt oben noch heraus. Es ist exakt der Augenblick eingefangen, in dem der Körper von angespannter Kraftausübung in entspannte Haltung nach vollbrachter Tat übergeht. Es ist nicht mehr die reine Kraftanspannung beim Heraufziehen und noch nicht die erleichterte Entspannung nach vollbrachter Tat; es ist exakt der Moment dazwischen, in dem das eine in das andere übergeht, mit unglaublicher Präzision festgehalten. Jedes anatomische Detail, Körperhaltung, Mimik, jeder Muskel, jede komplizierte Drehung, Stellung, Verrenkung von Händen, Armen, Beinen, Füßen sind auf diesen einen winzigen Augenblick abgestellt.

Ebenso lebensnah ist der architektonische Umraum minutiös in seinen oberflächlichen Erscheinungsformen abgeschildert mit allen Details, die Zeit, Gebrauch und Abnutzung hinterlassen haben: die Treppe, die zum Nebeneingang eines Palazzos hinauf führt, das steinerne Treppengeländer, die Hauswand, von der der rötliche Putz abblättert und darunterliegendes Ziegelwerk freilegt, die zugemauerte Wandöffnung, der gepflasterte Boden und der Sandsteinbrunnen, jedes Element ist in seiner Materialität und den vielfältigen Formen der Abnutzung und des Verfalls nachgebildet. Der Kontrast zwischen der Bewegungsstudie des Mädchens, welche einen kaum bewusst wahrnehmbaren, nur den Bruchteil einer Sekunde währenden Moment darstellt, und dem langsamen, über Jahrhunderte sich vollziehenden Zeitverlauf, der sich im Verfall von Stein- und Mauerwerk offenbart, lässt sich in dieser Schärfe durch Fotografie nicht darstellen. Das Bild ist denn auch alles andere als eine Naturstudie. Es ist ein das Individuelle jedes einzelnen Motivs, jedes Details, sei es der Figur oder des Materials, fast schon überzeichnender Realismus, der den Betrachter sogleich ins Bild hineinzieht, ihn zum unsichtbaren Beobachter des Geschehens macht.

Literatur: Percy Pinkerton, „Ludwig Passini. A Painter of Modern Venetian Life”, The Magazine of Art, Bd. 10, 1886/87, S. 127-132.